Zeitlos

Die Schule, deren Mitglied ich bin, die Hokushin Ittō-Ryū Hyōhō, wurde vor fast 200 Jahren gegründet (zu Beginn der 1820er-Jahre).

Die ersten 50 Jahre ihres Bestehens zählen wohl zu den wichtigsten und ereignisreichsten der gesamten japanischen Geschichte. Die darauffolgenden fünf Jahrzehnte waren geprägt sowohl von einem unbändigen Aufbruchwillen wie auch von Verzweiflung, Unsicherheit und existenziellen Krisen. In den 50 Jahren danach erlebte Japan (und die Welt) ungeahnte Katastrophen, aber auch einen Aufstieg wie der sprichwörtliche Phönix aus der Asche. Und die vergangenen fünf Dekaden waren für viele Koryū verbunden mit dem wohl grössten Schritt in ihrer Geschichte, dem Schritt in den Westen.

Faszinierend zu sehen, wie sich so eine Schule durch die Zeit bewegt, oder?

Um noch kurz beim Thema „Zeit“ zu bleiben: Ich liebe mechanische Uhren. Die Herstellung solcher Uhrwerke ist für mich eines der faszinierendsten Handwerke überhaupt.
Man stelle sich nun eine, sagen wir ca. 130 Jahre alte Taschenuhr vor. Das Uhrwerk (z.B. ein schönes Eterna-Kaliber aus Grenchen) wurde stets gepflegt und instandgehalten. Nun wird die Feder über die Krone aufgezogen, die Uhrzeiger in Position gebracht… und dieser Uhr ist es egal, ob sie die Zeit anzeigt als es erst Gaslaternenbeleuchtung gab oder heute im Internetzeitalter.

 

So sehe ich persönlich Koryū: Sie existieren einfach und sollten das tun, wofür sie bestimmt sind. Ganz egal ob es sich nun um das Jahr 1617, 1817 oder 2017 handelt. Natürlich beschränkt sich das nicht nur auf das technische Wissen sondern sollte allumfassend verstanden werden.

Ich bin überzeugt davon, dass kriegerische Ryūha ihrem Selbstverständnis nach zeitlos sein müssen. Jedes „mit der Zeit gehen“ zieht unweigerlich eine Verwässerung nach sich. „Zeitlos“ bezieht sich dabei nicht auf äussere Umstände, welche sich schon immer geändert haben.

Solch eine Verwässerung erfolgt immer schleichend über einen längeren Zeitraum und beginnt meist mit eher kleinen Dingen …und führt dann zu den wirklich wichtigen Punkten.

Einige Beispiele:

  • Man trainiert nicht mehr mit Hakama, sondern in Samue, einer Art Arbeitskleidung für Mönche (Oberteil und normale Baumwollhose). Eine der Begründungen: Der Lehrer erkennt so eine falsche Fussstellung der Schüler. Ein guter Lehrer erkennt das auch, wenn der Schüler Hakama trägt!
  • Schulen mit einer grossen Schülerbasis im Ausland legen keinen Wert darauf, das diese Schüler Japanisch lernen.
    Dies aus einer falsch verstandenen Toleranz heraus. Zudem mag ein (japanisches) Schuloberhaupt einen Verlust an Schülern befürchten, wenn hohe Anforderungen an diese gestellt werden. Damit einher geht selbstverständlich auch, dass westliche Schüler kaum oder gar nicht in Berührung kommen mit gesellschaftlichen Gepflogenheiten in Japan. Wobei gerade dies essentiell ist, Zusammenhänge verstehen zu lernen.
  • Bei öffentlichen Enbu finden Schüler und Lehrer nichts dabei, in üblichen Keiko-gi aufzutreten. Selbst wenn diese schmutzig oder gar beschädigt sind. D.h. Repräsentationspflichten werden als „unnötig“ oder gar als „anmassend“ beiseite geschoben. Auf die Idee, das man so das Ansehen der eigenen Ryūha mit Füssen tritt, kommt man nicht.
    Dazu gehört auch die Weigerung Montsuki zu tragen. Amüsant, wenn es dann heisst, die jeweilige Person kann damit die Techniken der Schule nicht korrekt ausführen. Dann sollte man aber den Fehler nicht beim Kleidungsstück suchen.
  • Ryūha mit einem Battō/Iai-Curriculum üben nicht mehr mit Shinken (dieses Problem besteht ja auch im modernen Iaidō). Geradezu eingebürgert hat es sich, dass Anfänger „natürlich“ nicht mit Shinken beginnen zu trainieren weil dies „unverantwortlich“ und „gefährlich“ sei. Ist das tatsächlich so?
    Es stimmt, dass ein Lehrer sich intensiver um einen Anfänger kümmern muss, der mit Shinken beginnt zu trainieren. Aber dabei sprechen wir von einem Zeitraum von einigen wenigen Wochen… denn die Schüler sind erwachsene, selbstverantwortliche Menschen und wissen, dass sie eine Waffe in der Hand halten und kein Spielzeug. Zudem waren alle Kenjutsu-Ryūha schon immer darauf ausgelegt, ihren Schülern den Umgang mit Shinken beizubringen. Was denn bitte sonst?
    In der Edo-Zeit hatte jeder Bushi sein Daishō immer bei sich zu tragen und hat es nicht einfach mal für das Training abgestumpft damit er sich nicht verletzt.
    Schuloberhäupter, welche verbieten mit Shinken zu trainieren, suchen also meist den bequemeren Weg um sich nicht allzu intensiv mit ihren Schülern befassen zu müssen.
  • Die Tatsache, dass ein Sōke auch eine gewisse Verantwortung für die Taten und das Verhalten der Schüler seiner Ryūha hat, passt nicht so gut zum westlichen Hyperindivudalismus.
    In Koryū und in Japan im Allgemeinen gelten die Lehrer immer als verantwortlich für ihre Schüler. Wenn beispielsweise ein High School-Schüler etwas stielt und dabei erwischt wird, werden üblicherweise nicht zuerst die Eltern sondern die Schule kontaktiert. In Koryū verhält es sich ganz genauso. Die meisten Schulen in Japan handeln auch dementsprechend und greifen strikt durch, wenn die eigenen Schüler mal aus der Reihe tanzen. Allerdings gibt es auch Schulen welche da eine laschere Haltung haben. Vor allem wenn es um die nichtjapanischen Schüler jener Schulen geht. Da meist, wie bereits erwähnt, eine Sprachbarriere herrscht welche verhindert dass ein Sōke mit seinen ausländischen Schülern direkt kommunizieren kann, führt dies unweigerlich zu einem enormen Kontrollverlust des Schuloberhaupts in seiner Ryūha.
    Es wäre also ratsam, eine Ryūha nicht wie einen Sportclub führen zu wollen und innerhalb wie ausserhalb Japans auf traditionelle Art bei Verstössen gegen den Keppan oder die Schulregeln hart durchzugreifen.
  • Viele Lehrer sind geradezu stolz darauf, dass sie „mit Politik nichts zu tun haben“. Seltsam, denn Koryū sind ihrem Wesen nach sehr politische Einheiten. Es gibt „uns“ und es gibt „die“. Immer.
    Ein „Friede, Freude, Eierkuchen“ aller Koryū gibt es nicht und darf auch nicht ein erstrebenswertes Ziel sein. Trotzdem kann man auf freundschaftlicher Basis mit anderen Schulen verbunden sein, auch wenn man sich der grundlegenden Konkurrenz immer bewusst sein muss. Diese Erkenntnis mag einige schmerzen, aber dann ist die Mitgliedschaft in einer Ryūha wohl nicht das richtige.
  • Die beschriebene Konkurrenz in Verbindung mit Politik kann auch zu Aufforderungen zum Taryū-jiai führen.
    Im Grunde genommen keine weltbewegende Sache aber eine Praxis, welche bei sehr vielen Schulen verpönt ist. Viele Schulen statuieren in ihren Regeln, das Fechtgänge gegen andere Ryūha „verboten“ seien. Hierzu muss man wissen, dass diese Regeln in so gut wie jeder Ryūha vorhanden sind und meistens ein „ohne Erlaubnis“ enthielten. Dies diente hauptsächlich dazu die eigenen Schüler unter Kontrolle zu halten, damit diese nicht einfach andere Schulen herausforderten, jedoch das Können nicht besassen dem Namen der Schule Ehre zu bringen. Außerdem konnten so Dōjō- und Ryūha-Yaburi, das systematische Herausfordern und Auslöschen anderer Schulen verhindert werden.
    Tatsächlich sind Taryū-jiai nicht das „Böse“ als das sie heute gemeinhin dargestellt werden.
    Selbstverständlich muss die Form gewahrt bleiben (schriftliche Erlaubnis der Sōke, Auswahl eines Kenbunyaku oder Tachiainin etc.). Auch wenn man den Begriff mit „Duell“ übersetzen kann, hat es aber doch nichts mit einem Kampf auf Leben und Tod (Shinken-Shōbu) zu tun. Üblicherweise wird in einem Kendō-Bōgu und mit Shinai oder Bokutō gekämpft. Manchmal jedoch auch ohne Bōgu. Die Art wie gekämpft wird bestimmt meist derjenige der herausgefordert wurde. Trotzdem sind Taryū-jiai leider eine absolute Seltenheit. Viele Schuloberhäupter welche kein aktives Freikampftraining ausüben, schrecken leider davor zurück eine Herausforderung anzunehmen und sehen sich mehr als eine Art Kurator ihrer Schule, weniger als ein Nachfolger des eigenen Schulgründers. Jedenfalls wenn es um den kämpferischen Aspekt geht.

Wir sehen also, es gibt viele Möglichkeiten sich das trainieren in klassischen Ryūha zu erleichtern, sprich sich dem sogenannten Zeitgeist zu beugen und das Ganze nicht so ernst zu nehmen. Man muss sich nur die richtige Schule dafür aussuchen.
Für jene allerdings, welche die Kriegskünste Japans in ihrer alten und reinen Form erleben wollen gibt es jedoch noch immer eine Handvoll Ryūha welche dieses bieten. Die sind nur etwas schwerer zu entdecken.

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