Wie man einen Anachronismus am blühenden Leben erhält

In meinem ersten Beitrag im neuen Jahr möchte ich gerne den Impuls thematisieren, Koryū in die altertümliche Ecke abzuschieben.


Einleitung

Gemäss Duden bezeichnet Anachronismus eine „durch die Zeit überholte Einrichtung“. Die Leser dieses Blogs erkennen natürlich, dass praktisch die ganze Thematik hier nahezu perfekt zu dieser Definition passen würde.
Koryū sind in der heutigen Zeit für viele Zeitgenossen gewissermassen per se anachronistisch, hauptsächlich aus zwei Gründen:

Erstens, weil deren Waffen (Schwerter, Naginata, Yari, Kusarigama etc.)  bzw. deren Handhabung heute tatsächlich keinen praktischen Nutzen mehr haben (zumindest vordergründig, aber dazu später mehr).

Zweitens, weil die gesellschaftlich-politische Haltung weiter Kreise heute alles missbilligt, was auch nur entfernt mit Waffen, Kampf oder allgemein „Gewalt“ zu tun hat.

Darum werden moderne japanische Kampfsportarten heutzutage auch hauptsächlich als reiner Sport vermarktet, angereichert mit seltsam anmutenden Verweisen auf den Zen-Buddhismus, was für die breiten Massen wohl die Friedfertigkeit betonen soll. Oftmals nur noch klammheimlich zwischen den Zeilen kann man erfahren, dass es auch um Selbstverteidigung (und allgemein Kampf) gehen könnte…
Dies hat auch mit der Tatsache zu tun, dass diese modernen Budō-Formen häufig zielgruppengerecht auf Kinder ausgerichtet sind. Und da will man die Eltern nicht unnötig verwirren, wenn die sich mal drei Minuten Zeit nehmen für die Vereinswebseite.

Da es sich bei den klassischen japanischen Kampfkünsten (Koryū) um jahrhunderte alte Traditionen mit jeweils individueller Kultur handelt, kommen sie zudem indirekt auch von Seiten in Bedrängnis, welche überlieferten Gebräuchen gegenüber generell eher negativ eingestellt sind und diese als irrelevant abtun.

All das betrifft natürlich nicht nur die klassischen japanischen Kampfkünste. Auch z.B. europäische Traditionen kommen auf diese Weise „unter die Räder“.


Den Anachronismus pflegen

Wenn man nun als Mitglied Teil einer solchen klassischen Schule ist, sollte man sich bewusst sein, dass man eine Verantwortung hat und dazu beitragen muss, der Schule Leben einzuhauchen.

Wie das die einzelnen Schulen handhaben, ist ihnen überlassen. Es gibt dabei unterschiedliche  Wege:

  • Es gibt die Möglichkeit, einfach die äussere Hülle zu erhalten. D.h. man läuft all die Kata, wie man sie mal gelernt hat ohne einen Gedanken an eine mögliche Anwendung zu verschwenden (was ein geübtes Auge dann auch erkennen kann). Das ist selbstverständlich die einfachste und zeitsparendste Methode.
  • Eine Ausweitung des oben beschriebenen ist es, wenn eine Schule darauf ausgelegt ist, als Kulturgut erhalten zu werden. Auch hier fällt die Idee der kämpferischen Anwendung oft weg, weil die Schule vorzugsweise repräsentieren will. Hierbei ist meistens mehr Aufwand notwendig als bei der ersten Option.
  • Die schwierigste und zeitaufwendigste Art ist es, wenn versucht wird eine Schule so zu „leben“, wie sie einmal gedacht war. Dazu ist es zwingend notwendig, die unverkennbare Identität und Kultur der Ryūha vorallem nach innen zu pflegen und weiterzugeben. Hierbei spielt die spezifische Mechanik der Schule eine zentrale Rolle.

Ohne Frage bevorzuge ich die dritte Variante. Diese beinhaltet aber noch wesentlich mehr:
Es geht auch darum, die Techniken der Schule auf den Prüfstand zu stellen. Damit ist u.a. gemeint, dass sich die Schüler im Freikampf messen sollen. Hier entdecken sie wie die Theorie (Kata-Training) in die Praxis (Gekiken) umgesetzt werden kann.

Darüber hinaus sollte sich das Oberhaupt einer lebendigen Schule immer auch Gedanken zum Sinn der Techniken der Schule machen. Keine Ryūha wurde je rein und unverfälscht durch die Jahrhunderte übermittelt. Dem Oberhaupt sollte es möglich sein, eventuelle unrealistische Techniken oder Bereiche zu entdecken und aufgrund seiner Kenntnis der Schulstruktur korrigierend eingreifen zu können. Dies verändert den grundlegenden Charakter der Ryūha nicht, im Gegenteil: Erst dadurch wird der Charakter akzentuiert und im besten Falle weiterentwickelt!


Waffenhandhabung obsolet?

Zu Beginn habe ich geschrieben, dass die Handhabung solch altertümlicher Waffen wie Schwert oder Naginata heute keinen praktischen Nutzen mehr hat. Das ist natürlich nur die halbe Wahrheit.

Die Sinne, welche man jahrelang im harten Training schärft, haben schon manchem in eher unerfreulichen Umständen geholfen. Das hat dann meistens mit dem aktiven Wahrnehmen von Umgebung und Situation zu tun.
Während dem Üben steht man immer Kameraden gegenüber, welche ebenfalls bewaffnet sind. Und selbst bei bekannten Partner-Kata können mal Fehler passieren, insbesondere wenn man die Geschwindigkeit und Intensität erhöht. Das kann auch zu blauen Flecken und Verletzungen führen. Aber das ist Teil des Lernprozesses und kann gar nicht vermieden werden.
Und das Training mit echten, scharfen Waffen ist nicht einfach nur „cool“, es dient dazu, sich der Gefahr konstant bewusst zu sein und damit umgehen zu können. Bis zu dem Punkt, wo man gar nicht mehr willentlich wahrnimmt, dass man mit einer sehr gefährlichen Waffe arbeitet. Gleichzeitig lernt man dabei auch Respekt und Demut der Waffe gegenüber.

Unter diesem Aspekt bietet das erlernen von Waffenfähigkeiten eine hervorragende Gelegenheit, welche man so im modernen Leben kaum mehr vorfindet.

Der angebliche Anachronismus kann nur überwunden werden, wenn klassische japanische Ryūha zurückfinden zu einer echten Lebendigkeit (die wie beschrieben mit harter Arbeit verbunden ist) um diesen Schulen auch in der heutigen Zeit Relevanz zu verleihen.

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2 Gedanken zu “Wie man einen Anachronismus am blühenden Leben erhält

  1. Nun, das Nihonto kommt nicht nur in der Thematik unter die Räder, auch bei der puren Sammlerei werden die Einschränkungen gröber.
    Trotzdem stinken unter anderem Leute wie die Kenmashi / Togishi dagegen an. Wir pflegen nicht nur die Waffe, wir pflegen eine sehr alte Kultur, hohe Kunst !
    Was die Sache vollkommen absurd macht ; in Japan blühen die Schmiedeschulen wie die Kimura, In Europa probieren immer mehr Schmiede ähnliche Klingen zu fertigen.
    Warum ? Eben wegem dem „mehr“ als nur Waffe. In erster LInie ist jedes Schwert natürlich eine Waffe , frei nach dem Motto „form follows function“, aber in zweiter Linie ist es eben Kultur, eine Lebensauffassung und Kunst, die auch heute noch ihre Gültigkeit hat.
    Ich kann nur von meinem Fach reden, dem Kenma.
    Was lernt man als Erstes?
    Sich zurück zu nehmen und sehr viel Geduld. Man lernt Dinge zu akzeptieren auch wenn sie einem nicht schmecken. Man lernt durchzuhalten. ( Oh ja, das kann ein hartes Brett sein wenn man eine glasharte Shinshinto Klinge auf dem Stein hat )
    Das Gleiche gilt für das Iaido oder Kendo, auch wenn dieses keine Koryu im Waffenhandwerk in dem Sinne sind.

    Auch unsere Gebräuche haben sich lebendig geändert.
    Als ich anfing : Nur Natursteine, heute ? Warum keine Synthetischen. ?
    Wir verändern uns, aber wir leben trotzdem in der Taditon.
    Warum ? Wegen einer Versteinerung ? Nein es gibt eben keinen Ersatz, genausoweng wie es einen Ersatz für die Koryu gibt.

    Was das mit dem Thema zu tun hat ?
    Eine Ganze Menge.
    In der Zeit wo viele Dinge sich schnell und sinnlos ändern weil die Leute noch schneller die Flinte in das Korn werfen, sind solche Attribute wohl nicht fehl am Platz.
    Der Respekt vor Dingen wie Schwertern gehen verloren.
    Siehe die Tube.

    Nur so einige Gedanken dazu.

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