Der „Dschungel“ der japanischen Kriegs- und Kampfkünste

Japanische Kampfkünste sind im Westen mittlerweile seit Jahrzehnten Synonym für Japan schlechthin. Diesen Aspekt der japanischen Kultur glauben die allermeisten Menschen zu kennen und haben zum grössten Teil doch keine Ahnung davon.

Selbstverständlich sind damit hauptsächlich die modernen Kampfkünste wie z.B. Aikidô, Jûdô, Karatedô, Kendô oder Iaidô gemeint. Das es aber noch ganz andere Formen und Arten japanischer Kampfkünste gibt, ist der Allgemeinheit schlicht unbekannt.

Eine Übersicht über diesen Kosmos ist also sicher hilfreich.

Die modernen Budô-Künste (jap. Gendai Budô)

Beginnen wir mit den oben angesprochenen modernen Kampfkünsten. Bereits hier mag es dem einen oder anderen Leser mulmig werden. Modern?!? Das sind doch alles jahrhundertealte „Sportarten“, praktiziert von den Samurai!
Nein, sind es nicht….

Diese Künste sind natürlich nicht im luftleeren Raum entstanden, sie wurden aus alten, tradierten Formen entwickelt. Aber deren Gründer (dies gilt zumindest für Aikidô, Jûdô und Karatedô) haben sich oftmals in erheblicher Weise von diesen alten Künsten, in denen sie bewandert waren, sowohl in technischer wie auch philosophischer Sicht entfernt und eben darum etwas „Neues“ geschaffen. „Neu“ bezeichnet in diesem Kontext die beiden letzten Jahrzehnte des 19. und die ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts.

Diesen neuen Kampfkünsten wurden von ihren Gründern auch wesentlich andere geistige Grundlagen gegeben als es die alten Schulen (zu denen ich im Detail später komme) hatten und nach wie vor haben.
Auch hat es sich mittlerweile etabliert, den im Westen beliebten Zen-Buddhismus mit diesen modernen Kampfkünsten in Verbindung zu bringen oder sogar eine direkte Wesensverbindung zu postulieren. In der Tat war dies aber nie allgemeingültig zu verstehen.

Nun stand nicht mehr die technische Perfektion und tödliche Effizienz im Vordergrund sondern eher eine philosophisch-moralische Schulung und Persönlichkeitsentwicklung hin zu einem „besseren“ Menschen. Dies wird auch durch die Silbe „dô“ unterstrichen, was mit „Lebensweg“ übersetzt werden kann.

Eine weitere moderne Entwicklung (wenn auch nicht unbedingt von den Gründern explizit so gewollt) war das Verbandswesen, mit all seinen Vor- und Nachteilen. Auch die bekannten farbigen Gürtel und der ominöse „schwarze“ Gürtel gehören zu dieser Modernisierung.

Jûdô fand bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts seinen Weg in den Westen, Aikidô, Karatedô, Kendô und Iaidô erst nach dem 2. Weltkrieg.

Ein weiteres Merkmal dieser neuen Kampfkünste ist auch, dass sie von einem großen Teil der Praktizierenden als reine Sportarten ausgeübt werden. Es ist tatsächlich nicht notwendig, sich vertieft und ernsthaft mit Japan auseinanderzusetzen um diese Künste auszuüben und sogar hohes Können darin zu erwerben.

Genau diese Tatsache führte leider auch dazu, dass gerade von westlichen Vertretern dieser Kampfkünste falsche Bilder dazu vermittelt werden, einfach weil ihnen die kulturellen, sprachlichen und soziologischen Aspekte und Zusammenhänge fremd sind.

Die klassischen Kampfkünste bzw. Kriegskünste (jap. Koryû Bujutsu) 

Ein Potpourri verschiedener klassischer Kampfkunstschulen

Widmen wir uns nun den Systemen, welche die Schaffung der beschriebenen modernen Budô-Künste erst möglich machten.
Diese Systeme werden unter dem Begriff Koryû Bujutsu (alte Schulen der Kriegskünste) zusammengefasst. Allerdings haben die Schulen, welche heute noch bestehen, eine tradierte Lehrlinie bis in die heutige Zeit und sind somit keineswegs „alt“ im herkömmlichen Sinne. Die Bezeichnung Koryû ist dabei nicht beschränkt auf militärische Künste. Auch in den schönen Künsten sind im Laufe der Jahrhunderte spezifische Lehrlinien bzw. Schulen entstanden welche man Koryû nennt.

Ryûha (Schulen bzw. „Strömungen“) in den militärischen Künsten wurden ab ca. dem 15. Jahrhundert kodifiziert und in den folgenden Jahrhunderten entstanden hunderte weitere solcher Schulen.
Da es sich wie erwähnt um eine militärische Ausbildung handelte sind diese Schulen zum grössten Teil Waffenkünste und haben einen in sich geschlossenen technischen Curriculum, häufig bestehend aus mehreren Waffen sowie waffenlosen Anteilen. Dazu kommt eine schulspezifische Philosophie. Somit bildet jede Schule einen eigenen Kosmos der zwar Ähnlichkeiten mit anderen Schulen haben kann, häufig aber komplett verschieden ist.
Diese Verschiedenheit begründet sich auf mehreren Faktoren: Dies beinhaltet sowohl geographische, zeitliche, philosophische und natürlich technische Faktoren.

Nichtsdestotrotz teilen sich alle Koryû gewisse Charakteristika:

– Oftmals gilt das Jahr 1868 (Meiji-Restauration und Ende des Tokugawa-Shogunats) oder auch das Jahr 1876 (gesetzliches Verbot Schwerter in der Öffentlichkeit zu tragen) als Trennlinie zwischen den klassischen und den modernen Kampfkünsten.

– Üblich ist eine nachverfolgbare Lehrlinie über die verschiedenen Meistergenerationen bis zum Gründer der Tradition. In den meisten Fällen steht so einer Schule jeweils ein Meister (Sôke) vor, der die Schule vom vorherigen Meister übernommen hat. Damit geht auch die Verantwortung für das Weiterbestehen der Schule an ihn (oder sie) über. Dieser „Fluss“ an Wissensvermittlung bildet den Kern der Tradition.

– Graduierungen werden meistens in Form von sogenannten Lehrlizenzen vergeben. Dabei handelt es sich nicht um farbige und schwarze Gürtel sondern um Makimono (Schriftrollen), in denen z.B. die erlernten Techniken und Taktiken und/oder philosophische Lehren niedergeschrieben sind. Die Vergabe ist in keiner Weise standardisiert, nur der Lehrer entscheidet wann ein Schüler eine Lizenz erhält.

– Nicht alle Schüler lernen alles bzw. in derselben Reihenfolge. D.h. der oberste Lehrer entscheidet, wem er die höheren Lehren der Schule vermittelt und wann er das tut. Zentrales Element jeder Schule ist somit das Lehrer-Schüler-Verhältnis.

Auch wenn die verschiedenen Koryû sehr wohl eine (mehr oder weniger ausgeprägte) Komponente der „Persönlichkeitsentwicklung“ innehaben, liegt das Hauptaugenmerk trotzdem auf Wirksamkeit der vermittelten Lehren. Man darf nicht vergessen wozu diese Systeme geschaffen wurden: um das eigene Überleben auf dem Schlachtfeld oder in einer bewaffneten Auseinandersetzung zu sichern. Nicht mehr und nicht weniger. Hier kann man sehr wohl argumentieren, dass diese Tatsache an sich schon zu einer „Persönlichkeitsentwicklung“ beiträgt.

Das grösste Unterscheidungsmerkmal zwischen den Koryû und modernen Disziplinen besteht in dem einzigartigen Sozialgefüge innerhalb der verschiedenen Ryûha. Hierbei handelt es sich um kulturelle Eigenheiten und soziale Verhaltensweisen Japans, welche auch der westliche Schüler verstehen lernen muss. Dies schließt auch, zumindest rudimentäre, japanische Sprachkenntnisse mit ein.

Hochgraduierte westliche Schüler und Lehrer sprechen oft fließend Japanisch und haben meist auch längere Zeit in Japan gelebt. Dies ist unabdingbar um die Tradition in unverfälschter Weise auch außerhalb Japans weitergeben zu können.

Hier wird deutlich, dass das Commitment, welches vom Schüler verlangt wird um ein Vielfaches grösser ist, als in modernen Kampfkünsten.

Um ein westliches Äquivalent zu nennen kann man authentische Koryû am ehesten mit dem europäischen Zunftwesen vergleichen. Auch hier wird von den Mitgliedern eine hohe Verbindlichkeit gegenüber der jeweiligen Zunft verlangt und es herrscht ebenfalls ein spezielles Sozialsystem vor.

Ganz wichtig bei all diesen Betrachtungen ist die Tatsache, dass man kaum je allgemeingültige Aussagen zu allen Ryûha machen kann. Jede Schule ist ein individuelles Gebilde mit einer unverwechselbaren Identität.

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2 Gedanken zu “Der „Dschungel“ der japanischen Kriegs- und Kampfkünste

  1. Vielen Dank für diesen informativen Artikel. Ich interessiere mich schon seit einiger Zeit für japanischen Schwertkampf, und möchte in absehbarer Zeit diesen auch erlernen. Gelernt habe ich aber durch Ihre Berichte jetzt schon mehr als ich bisher wusste

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