Einige Gedanken zu Gekiken

Gekiken (撃剣) nennt sich das Freikampftraining verschiedener Ryûha unter Verwendung von Bôgu und Shinai. Was früher einmal Standard so ziemlich jeder Schwertkampfschule war, ist heutzutage leider nur noch Bestandteil einiger weniger.

Die Gründe hierfür sind sicher vielfältig: Zuerst müssen wir uns immer vor Augen führen, was das Jahr 1868 für Japan bedeutete. Eine prinzipiell feudale Gesellschaft wird mit einem Ruck in die Moderne gestossen. Natürlich geschah dies nicht vollkommen aus heiterem Himmel. Die Jahrzehnte davor waren bereits von Veränderungswillen geprägt und auch den meisten Tokugawa-Anhängern muss klar gewesen sein, das sich Japan wandeln wird (insbesondere nachdem Matthew Perry mit seiner US-Flotte 1853 im Hafen von Uraga vor Anker ging).
Als der neue Kaiser Mutsuhito im Januar 1868 die Regierungsdevise „Meiji“ verkündete (dt. „aufgeklärte Herrschaft“), war klar wohin die Reise gehen würde.
Oftmals wird dieser Periode angelastet, vielen traditionellen Künsten mit der Modernisierung des Landes den Todesstoss versetzt zu haben. Dabei geht meistens vergessen, was die andere Option gewesen wäre: Eine nicht vermeidbare Kolonisierung Japans durch die westlichen Mächte. Dazu gab es in den Nachbarländern bereits genug Anschauungsmaterial. Man kann getrost davon ausgehen, dass bei diesem Szenario wohl kaum noch nennenswerte traditionelle Künste überlebt hätten…

Alte Bôgu
Alte Bôgu

Kendô ist ja bekanntlich eine direkte Entwicklung aus der Gekiken-Praxis des 19. Jahrhunderts. Standardisierung wurde von der Meiji-Regierung auf allen Ebenen der Gesellschaft und Wirtschaft vorangetrieben und war für die Schaffung eines Nationalgefühls von grosser Bedeutung. So wurde auch bei den Kampfkünsten versucht, einheitliche Standards durchzusetzen um sie landesweit zu unterrichten und somit den Wehrwillen des Volkes zu stärken (ohne „lästige“ schulspezifische Lehrmethoden und Techniken).

Die meisten berühmten Kendôka der Meiji-Zeit waren alle noch Mitglieder einer Ryûha. Schon eine Generation später war das kaum noch der Fall. Der Beweis, dass die Standardisierung Erfolg zeigte.

Häufig wurde selbst in einzelnen Ryûha das schulspezifische Gekiken zugunsten des neuen Kendô aufgegeben.

Nur wenige erkannten die Nachteile dabei: Die meisten Schulen hatten ein Curriculum, das mehrere Waffen sowie waffenlose Techniken umfasste. Das schulspezifische Gekiken nutzte selbstverständlich all diese Möglichkeiten. Bei einem Ersatz durch Kendô gingen diese Erfahrungen mit einem Schlag verloren, da sich Kendô ausschliesslich auf das Langschwert beschränkt (Nito-Techniken mit dem Kurzschwert bilden hier lediglich ein vernachlässigbares Phänomen).

Gekiken ist nicht gleich Gekiken.
Gekiken ist immer in die schuleigene Lehrmethodik integriert. Somit gibt es auch eine Vielzahl unterschiedlicher Arten wie Gekiken ausgeübt werden kann. Diese Vielfalt lief dann natürlich der Standardisierung zuwider…  🙂

Ein alter Men
Ein alter Men

Schulen mit einem grossen Anteil an Jujutsu-Techniken, versuchen diese auch zu nutzen und gehen häufig in den Infight (z.B. Tennen Rishin-ryû).
Schulen mit unterschiedlichen Waffen setzen diese bewusst im Gekiken ein und lassen auch z.B. ein Kurzschwert gegen eine Naginata antreten (z.B. Hokushin Ittô-ryû Hyôhô).

Wie schon erwähnt, muss die Gekiken-Praxis vollkommen von der Lehrmethode der jeweiligen Schule durchdrungen sein. Die Taktiken und Strategien der Schule müssen sich im Gekiken manifestieren und entsprechend unterrichtet werden. Es darf kein aufgesetzter Fremdkörper sein.
Ich bin der festen Überzeugung, dass Gekiken-Training nicht einfach ohne weiteres in jede beliebige Schule integriert werden kann.

Es ist übrigens nicht so, dass ausschliesslich die „neuen“ Schulen der Bakumatsu-Zeit diese Praxis kannten. Die Maniwa Nen-ryû aus dem 16. Jahrhundert nennt es zwar „kiriwara jiai“ und sie benutzen keine eigentliche Bôgu sondern dicke Handschule und einen gepolsterten Kopfschutz. Aber das Ergebnis ist dasselbe.

Schauen wir uns auch noch den Einsatz des Bôgu genauer an: Hier sieht man eine sehr interessante Entwicklung vom Gekiken hin zum Kendô. Im Zuge der beschriebenen Standardisierung wurden der Rüstung im Kendô nach und nach ganz bestimmte Trefferzonen zugeordnet. Das ist dem Gekiken völlig fremd. Hier dient die Rüstung ihrem eigentlichen Zweck, dem Schutz vor schweren und schwersten Verletzungen. Ein Tsuki in den Oberarm, ein Ganmen-tsuki oder ein Schnitt von unten in die Kote… alles klare Treffer im Gekiken und definitive „Stoppers“ (allerdings nicht so im modernen Kendô).

Gekiken gehört zum Selbstverständnis unserer Schule. Ohne es würde ein wichtiger Bestandteil fehlen. Es ist sozusagen ein zentraler Teil der Schul-DNA.

Ein alter Dô
Ein alter Dô
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