Bushidô – Die Metamorphose eines Begriffs

Garantiert JEDER hat eine Vorstellung davon, was dieser Begriff bedeuten sollte/könnte/müsste.

Und spätestens seit ein tunesisch-deutscher Rapper diesen Begriff zu seinem Künstlernamen erkoren hat, kennt nun auch jedes Kind das Wort. Wobei ich allerdings bezweifle, dass sie wissen, das es aus dem Japanischen stammt. 🙂

Gerade im Westen hat „Bushidô“ eine erstaunliche Metamorphose durchgemacht, auf die ich hier nun etwas eingehen werde. Das ganze verlief in mehreren Stadien.

Stadium 1

Japanische Kampfkünste fanden ihren Weg in den Westen ca. zu Beginn des 20. Jahrhunderts, hauptsächlich in Form von Jûdô. Bereits in den 1920er gab es in Europa und den USA viele Jûdô-Clubs.
In diesem Stadium hatte der Begriff Bushidô für die allermeisten Praktizierenden noch keinerlei Stellenwert. Selbst wenn sie von ihren japanischen Instruktoren davon was hörten, war das wohl hauptsächlich in Form eines Ritter- oder Gentlemankodex. Damit konnten sie wohl am meisten anfangen, denn das gab es ja durchaus auch im Westen.

In diese Zeit fällt auch das bekannte Buch „Bushido: The Soul of Japan“ von Nitobe Inazô welches er in den USA schrieb. Nitobe lebte lange Zeit im Ausland (USA und Deutschland) und verspürte dadurch wohl den Drang sich und sein Volk zu erklären. Im Buch nennt er sieben Prinzipien, nach denen ein Japaner leben und handeln sollte. Dabei kommt es immer wieder zu Überschneidungen und Vergleichen mit westlichen Werten. Sicher ein Versuch, Japan als dem Westen ebenbürtig darzustellen.

Stadium 2

Der zweite Weltkrieg. Die US-Propagandamaschinerie tat das Nötige um den Feind Japan in möglichst schlechtem Licht darzustellen. Hierbei kam es auch zur Erwähnung von Bushidô als einem durch und durch bösen Werkzeug, mit dem Japan seine Soldaten und Armeen indoktrinierte (was im übrigen nicht mal wirklich gelogen war). Allerdings war das nur ein Nebenschauplatz neben den eigentlichen Kriegsanstrengungen.

Stadium 3

Die Zeit nach dem zweiten Weltkrieg bis in die 1970er. Amerikanische Soldaten waren lange in Japan stationiert gewesen (hauptsächlich Okinawa) und einige fanden Gefallen an den Kampfkünsten. Jetzt war es hauptsächlich Karate, welches seinen Weg in den Westen fand. In Europa war das vorallem in Frankreich und Deutschland der Fall, wo in den 1950er Jahren die ersten Karate-Dôjô gegründet wurden. Ab den 1950er wurden auch die Zen-Bücher von D.T. Suzuki immer weiter verbreitet. Und nun, mit der Verquickung von Kampfkünsten (vorallem Karate) und Zen erschien bald auch „Bushidô“ auf den Radarschirmen. Insbesondere Karateka begannen, ihre Praxis mit diesem ominösen Wort in Verbindung zu bringen. Auf den meisten Vereins-Webseiten finden sich bis heute sehr verklärende Beschreibungen, was Bushidô ist (ein fixfertiger Ehrenkodex aller Samurai des „alten“ Japan).
Ab den 1970er wird das Ganze dann praktisch zu einem Selbstläufer, der kaum noch aufzuhalten ist.

Stadium 4

Die japanologische Forschung hielt sich lange fern von den Themen „Kampfkunst“ und „Samurai“ und fand diese nicht würdig erforscht zu werden. Zuerst fanden US-amerkanische Gelehrte den Zugang dazu und seit den 1980er gibt es auch verschiedene Japanologen, welche sich auf diese Themen spezialisiert haben. Verständlich, dass nun auch Bushidô vermehrt in den Fokus der ernsthaften Forschung geriet. Zumindest wurde nach und nach das Bild korrigiert, dass es sich um einen fixen, tradierten Kodex handelte, an den sich alle Samurai (Bushi) sklavisch zu halten hatten. Was nämlich bei früheren Betrachtungen vergessen ging ist die Tatsache, dass es sich bei Japan bis 1868 nie um ein wirklich einheitliches Staatsgebilde handelte (auch nicht während des Tokugawa-Shogunats zwischen 1600 – 1868). Die verschiedenen Provinzen und Landesteile auf diesem grossen Archipel unterschieden sich teilweise erheblich. Dies sowohl in wirtschaftlicher, militärischer wie auch kultureller Hinsicht. Selbst der Bushi-Stand war nicht einheitlich geregelt.
Es wurde langsam klar, dass dieser „Weg des Kriegers“ eigentlich nirgends niedergeschrieben stand. Oder um exakter zu sein: Das es viele verschiedene „Wege des Kriegers“ gab, die in sogenannten Hausgesetzen der verschiedenen Daimyô (Provinz-Fürsten) standen. Diese Hausgesetze hatten aber keinen (oder nur begrenzten) juristischen Charakter. Hierfür gab es Strafgesetz- und Zivilrechtsbücher. Diese Hausgesetze hatten eher die Eigenschaft eines heutigen „Code of Conduct“, wie er in grossen Konzernen Standard ist.

2011 schrieb Oleg Benesch, ein Japanologe der University of York, seine Arbeit „BUSHIDO: THE CREATION OF A MARTIAL ETHIC IN LATE MEIJI JAPAN“.
Man kann durchaus sagen, dass es sich dabei um die zurzeit umfangreichste Darstellung zu diesem Thema handelt. –> Bushido-Creation of a martial spirit in Meiji Japan

Stadium 5

In den letzten paar Jahren gab und gibt es nun sozusagen eine „Gegenbewegung“. Plötzlich wird postuliert, so etwas wie „Bushidô“ habe gar nie existiert und zwar in keinster Art und Weise.
Man bewegt sich also von einem Extrem zum anderen. Schade, das auch hier nicht differenziert werden kann.

Wie Benesch sehr ausführlich beschreibt, fand die grösste Rezeption des Begriffs sicher während der Meiji-Zeit statt. Auch der Grund dürfte klar sein: Es galt, eine Nation zu schaffen. Allerdings bedeutet das nicht, das es nicht auch schon frühere Deutungen gab (welche er auch zu Beginn seiner Arbeit anschneidet).

Nach all diesen Ausführungen mag man sich aber fragen: Warum reden dann soviele japanische Kampfkunst-Lehrer (egal, ob es sich um Gendai Budô oder Koryû handelt) häufig von „Bushidô“??? Ganz einfach: Sie meinen schlicht etwas ganz anderes als das, was westliche Ohren hören wollen.

Auf Youtube findet man nicht wenige Interviews von bekannten japanischen Lehrern, in denen diese ihre Schulen und Lehren darlegen. Und oftmals ist das Wort „Bushidô“ zu hören.
Was viele nicht wissen: In Japan werden Bushidô und Budô nahezu austauschbar verwendet. Die Deutung beider Begriffe ist nicht wirklich lexikographisch zu verstehen, sondern ist fast ausschliesslich vom Gefühl bestimmt. Ja, es kann damit eine gewisse Kriegerethik gemeint sein. Es kann aber auch einfach Kampfkunst gemeint sein. Oder aber es ist gemeint, wie man sich als Mensch möglichst sozialverträglich in der Gesellschaft verhalten sollte.

Deswegen haben gerade Lehrer aus tradierten Ryûha auch keinerlei Probleme, auch heute noch von „Bushi“, also Kriegern, zu sprechen. Es handelt sich dabei eben schlicht um das Bild eines ehrbaren Menschen, der sich der Theorie und Praxis z.B. einer gewissen Schule widmet. Und dadurch zum Bushi wird.

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