Rezension „Old School, expanded edition (2014)“ von Ellis Amdur

(Please find the link to the english translation at the end of this article)

Ellis Amdur hat nach über zehn Jahren eine erweiterte Version seines erfolgreichen Buches „Old School“ veröffentlicht.

old

Mit einer gewissen Verspätung habe ich mir nun das Buch ebenfalls besorgt und möchte hier eine deutsche Rezension beisteuern. Es gibt bereits verschiedene Reviews des Buches, allerdings ausschliesslich auf Englisch.

Das Buch hat mit knapp 400 Seiten einen massiven Umfang, aber diverse Fotos, Zeichnungen und Diagramme lockern den Text gut auf.
Es besteht aus fünf Teilen welche jeweils ähnliche Kapitel zusammenfassen. Dies ist ein sehr ansprechendes Layout und es macht Spass sich darin zu vertiefen.

Ellis Amdur ist (wie den meisten bekannt sein dürfte) Shihan sowohl der Toda-ha Bukô-ryû wie auch der Araki-ryû. Beide Schulen stammen aus der späten Muromachi-Periode (um 1560/1580) und es ist auch die Ära, für welche Amdur ganz klar die grösste Sympathie und die stärksten Gefühle empfindet. Man kann durchaus sagen, dass Amdur die allermeisten Ryû-ha, welche in der Edo-Zeit entstanden sind, als nicht wirklich „würdig“ erachtet (eine Ausnahme scheint er allerdings bei der Takamura-ha Shindô Yôshin-ryû zu machen).

Was mir sehr gefällt sind seine mehrfachen Hinweise darauf, das Koryû schon immer (und auch heute noch) politische Einheiten waren. Diese Tatsache verstehen nach wie vor viele nicht. Amdur geht auch einige Male darauf ein, dass es nicht üblich ist, das sich Lehrlinien einer bestimmten Schule bei einer anderen Lehrlinie um evtl. verlorengegangene Inhalte bemühen. Dies ist insbesondere in Europa und den USA schwer verständlich. Dort meint man häufig, dass es doch von grossem Vorteil wäre, wenn sich alle Lehrlinien einer Schule zusammentun würden um Lehrinhalte auszutauschen. Aber so funktionieren die Koryû eben nicht und das beschreibt Amdur sehr anschaulich.

Interessanterweise nimmt die Tenshinshôden Katori Shintô-ryû sehr grossen Platz ein (zwei eigene Kapitel mit gut 60 Seiten). Amdur erklärt im Detail den technischen Hintergrund der Schule sowie die sechs unterschiedlichen Lehrlinien und erlaubt sich diverse qualitative Aussagen zu diesen. Bemerkenswert ist die Tatsache, dass Amdurs Hauptquelle (neben Otake Risuke-shihan) die Noda-ha Katori Shintô-ryû ist, eine Linie welche zumindest mir bis jetzt nicht bekannt war. Amdur lobt das sehr hochstehende und profunde Wissen dieser Linie mehrmals. Spannend!
Eine weitere, nahezu unbekannte Info zu dieser Schule ist, dass 1929 ein Professor ohne Kampfkunsterfahrung in die Iizasa-Familie einheiratete,  in der Folge den Familiennamen annahm und so zum 19. Sôke wurde. Sein Sohn ist der aktuelle 20. Sôke.

Neben der Tenshinshôden Katori Shintô-ryû behandelt das Buch auch verschiedene andere Schulen im Detail, so etwa die Maniwa Nen-ryû, Higo Ko-ryû, Yoshin-ryû und selbstverständlich die beiden Schulen des Autors: Toda-ha Bukô-ryû und Araki-ryû.

Im Kontext eines Buches, welches sich so detailliert mit Koryû befasst (sowohl technisch wie auch gerade historisch), ist es äusserst erstaunlich, dass Amdur es strikt unterlässt, seinen Lehrer in der Araki-ryû zu benennen… er verweist lediglich darauf, dass dieser Herr „a private man“ sei und wer mit Amdur darüber diskutieren möchte, kann ihn kontaktieren.
Zumindest gibt es so ein schönes „Geheimnis“, was auch Amdur so bestätigt.

Amdur versucht sein Bestes, dem Leser auch möglichst alle historischen Hintergrundinformationen zu liefern. Allerdings musste ich mehrere Male auf mein eigenes Wissen zurückgreifen um verschiedene Verknüpfungen herstellen zu können. In diesem Sinne ist das Buch für Leute mit genügend grosser Vorerfahrung kein Problem. Einem Neuling auf dem Gebiet würde ich aber dieses Buch sicher nicht als Einstieg empfehlen, da es schon viel Wissen voraussetzt.

Nun komme ich zum eigentlichen Hauptteil meiner Rezension: Die Auseinandersetzung Amdurs mit der Edo-Periode im allgemeinen und der Bakumatsu-Zeit im speziellen.
Die Leser dieses Blogs wissen, dass mein Augenmerk der Bakumatsu-Periode gilt und den Schulen, welche in dieser Zeit gegründet und berühmt wurden. Hier bin ich so emotional und subjektiv wie das Amdur bei der Muromachi-Ära ist. Fangen wir einmal beim Umfang an: Für das Kapitel „Bugei in the Edo Period: The rise of competitive martial sports“, welches mich natürlich am meisten interessierte, sind gerade mal 15 Seiten vorgesehen. Man kommt nicht umhin, an eine reine Alibi-Übung zu denken. Dies merkt man auch dem Text an, der nichts mehr von Amdur’s Faszination erahnen lässt, welche im ganzen übrigen Buch zu spüren ist. Und so ist es auch kaum verwunderlich, dass sich Fehler einschleichen und wichtige Fakten (bewusst oder unbewusst) weggelassen werden.

Was bei einer Muromachi-Schule wie der Maniwa Nen-ryû noch als äusserst glanzvoll dargestellt wird (der relativ hohe Anteil an Mitgliedern, die nicht Bushi waren) gilt bei „neuen“ Schulen praktisch als Beleg für deren Degeneration.
Um noch kurz bei der Maniwa Nen-ryû zu bleiben: Ebenso lobt Amdur in höchsten und zutiefst romantischen Tönen das sogenannte kiriwara jiai dieser Schule. Dabei handelt es sich um freies Sparring, welches hier mit fukuro shinai und dick wattiertem Kopfschutz und Kote betrieben wird. Diese Praxis wurde wohl im 18. Jahrhundert in der Schule eingeführt. Laut Amdur werden keine Punkte gezählt, es gibt keine definierten Trefferzonen und das Ganze gilt als reines Trainingstool (kommt mir doch bekannt vor…). Ganz anders natürlich das Gekiken des 19. Jahrhunderts (gemäss Amdur): Degeneriert zu purem Wettkampf! Amdur versäumt es irgendwie darauf hinzuweisen, dass es natürlich viele verschiedene Arten des Gekiken gab, wobei der Einsatz als zusätzliches Trainingstool auch hier im Vordergrund stand.
Solche Argumentationsketten halte ich für einen Autor vom Schlage Amdurs als sehr schwach.

Kiriwara jiai: Das
Kiriwara jiai: Das „gute“ Gekiken

Interessanterweise pickt er gerade die Hokushin Ittô-ryû raus, um diverse Exempel zu statuieren. Schauen wir mal.

  • Mehrere Male bezeichnet er den Gründer der Schule, Chiba Shûsaku, als „Commoner“ (also als Nicht-Samurai). Daran ist zwar nichts ehrenrühriges, aber im Kontext des japanischen Familienrechts damaliger Zeit ist es falsch. Es ist eine Tatsache, dass über das frühe Leben Shûsakus nicht viele Informationen vorhanden sind. Sein Vater stammte aus der nördlichen Tôhoku-Region und wurde später von seinem Schwertkunst-Lehrer Chiba Narikatsu adoptiert (und wurde somit eben ein Bushi). Sein Sohn Shûsaku wuchs also ganz selbstverständlich als Samurai auf. Erwachsenenadoptionen waren in Japan damals an der Tagesordnung und eine übliche Rechtspraxis wenn es z.B. darum ging einen berühmten Familiennamen weiterzutragen. Die direkte Blutlinie war in Japan nie so wichtig (siehe auch das obige Beispiel mit dem Sôke der Tenshinshôden Katori Shintô-ryû im 20. Jahrhundert). Glaubt jemand ernsthaft, dass einem bekannten „Researcher“ wie Ellis Amdur dieser Umstand nicht bekannt ist?
  • In einer denkwürdigen Passage stellt es Amdur so dar, dass Chiba Shûsaku lediglich mit dem Shinai umgehen konnte. Als unbedarfter Leser kommt man fast unweigerlich zum Schluss, dass Chiba Shûsaku in seinem Leben weder je ein Bokutô, geschweige denn ein echtes Schwert in den Händen hielt.
  • Die neuen Schulen der Bakumatsu-Zeit werden durchgehend auf „Shinai Uchikomi“ reduziert, was Amdur ausnahmslos als „Wettkampfsport“ bezeichnet. Es stimmt, dass ab Mitte des 18. Jahrhunderts die Kritik an Kata-geiko zunahm, gerade auch weil viele Schulen neue Kata erfanden ohne eine echte Anwendung im Auge zu haben (was Amdur zu Recht auch kritisiert). Der Autor unterlässt es aber prinzipiell darauf hinzuweisen, dass die Grundlage auch der neuen Schulen immer Kata-geiko war und Gekiken lediglich ein weiteres Trainingsfeld war.
  • Das Buch weist zudem nicht darauf hin, dass auch viele der neuen Schulen eine umfassende Ausbildung beinhalteten, sprich sie unterrichteten neben Kenjutsu auch  Iaijutsu, Naginatajutsu, Jûjutsu, Kodachi und weiteres in unterschiedlicher Zusammensetzung.
  • Amdur lässt sich auch darüber aus, wie z.B. die Hokushin Ittô-ryû bekannt war für ihre langen Shinai und sich dadurch „seltsame“ Techniken entwickelten wie z.B. Katate Tsuki, „welche mit einem echten Schwert so kaum durchführbar sind“….
    Ja, das hat derselbe Amdur geschrieben der sich brüstet, alles in seinen eigenen Schulen auf den Prüfstand zu stellen und auch mal das Design der Waffen ändert.
  • Überhaupt liefert Amdur viel zu wenig Hintergrundwissen was insbesondere die politische und gesellschaftliche Situation der Bakumatsu-Ära betrifft. Es erscheint zeitweise, als ob er über die Schulen dieser Zeit wie in einem Vakuum schreibt, völlig losgelöst von den Umständen der Epoche. Wer weiss, dass ist vielleicht der Tatsache geschuldet, das einfach nicht mehr genügend Platz im Buch war.

Im letzten Kapitel über Keppan schreibt Amdur dann wieder einige wunderschöne Dinge über Loyalität in einer Koryû, über Omote und Ura, über Reigi in einem echten Dôjô oder auch über die natürliche Rivalität zwischen Schulen.
Es sind Dinge, welche ich auf die eine oder andere Art alle in unserer Schule erlebe und mir die Gewissheit gibt am einzigen richtigen Ort zu sein.

Fazit: Ich bin hin- und hergerissen.
Amdur steht (wesentlich mehr als ich erwartet hätte) ganz klar in der „Tradition“ von Donn F. Draeger. Dieser US-Amerikaner machte ab den 1960er Koryû im Westen überhaupt erst bekannt, hatte allerdings auch ein sehr herrisches Schwarz/Weiss-Denken was die japanischen Kampfkünste betraf: Alles vor 1600 war noch echte, tödliche Schlachtfeld-erprobte Kampfkunst und -wissenschaft. Alles danach war völlig degeneriert und ein Abklatsch von den überragenden Systemen „alter“ Zeit. Offensichtlich fällt es auch Amdur schwer, zu differenzieren.
Das Buch erachte ich keinesfalls als schlecht. Ganz im Gegenteil: Es ist sehr gut geschrieben, manchmal geradezu schön und bietet einige Aha-Erlebnisse (ganz besonders im Keppan-Kapitel). Aber es ist eben auch aus einer Position der Voreingenommenheit gegenüber Systemen und Schulen geschrieben, welche der Edo-Periode entstammen.

Wer weiss, vielleicht wird es irgendwann mal eine 3. Edition des Buches geben, welche den Fokus etwas anders legt (z.B. wesentlich vertiefter und seriöser auf die Edo-Zeit). Allerdings ist der Autor inzwischen auch schon Mitte sechzig und man bedenke, dass es über zehn Jahre dauerte, bis diese 2. Edition erschien.
Auf der anderen Seite stellt sich natürlich die Frage, ob Amdur überhaupt die richtige Person wäre, um solch einen Fokus ernsthaft vertreten zu können.
Wir werden sehen… 😉

English translation: Book review

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