Die Koryû-Krankheit

Koryû – ein sehr spezielles, ja geradezu magisches Wort…

Zumindest könnte man diesen Eindruck bekommen, wenn man den vielen Websites Glauben schenkt, welche dieses Wort sozusagen als Monstranz vor sich her tragen. Was alles in den vergangenen paar Jahren jedoch damit beworben und angepriesen wurde, spottet jeglicher Beschreibung.

Einmal sind es vielleicht die üblichen Karate-Dôjô, ein andermal ein „Jiu-Jitsu“-Verein. Oder gerne auch wieder mal eine Ninjutsu-Koryû. Selten fehlt der Hinweis darauf, dass man im entsprechenden Etablissement auch „original“ japanisches Kenjutsu oder Iai lernen kann. Sozusagen also das komplette Rundum-Sorglos-Wohlfühl-Paket. Das Ganze geschieht oft ohne Nennung eines ryû-ha-Namens.  Manchmal wird auch der Fantasie freien Lauf gelassen…. insbesondere dann, wenn es zum verschärften Einsatz von Kanji kommt. Das ist dann manchmal fast so amüsant wie die spiegelverkehrten Kleb-Kanji an Autoheckscheiben oder die sehr sinnfreien Kanji-Tattoos, welche man allzu häufig sieht.

Dabei frage ich mich, wie es dazu kommen konnte. Früher hat es ja gereicht, Karate, Jûdô, Aikidô oder Kendô auszuüben. Mit dem Internet wurde dann die Verfügbarkeit an Informationen wesentlich gesteigert und z.B. auch ein Donn F. Draeger hat das Seinige dazu beigetragen, dass nun die Namen von vielen verschiedenen Koryû praktisch Allgemeingut geworden sind. Und damit wurde wohl auch der Wunsch geweckt, „so etwas richtig traditionelles“ selbst zu trainieren.

Dies stellte allerdings ein Problem dar. Denn obwohl die Namen vieler Koryû bekannt sind, entsprechende authentische Dôjô gibt es im Verhältnis dazu nur sehr begrenzt. Am ehesten findet man vielleicht noch Iai-Dôjô. Aber auch denen werden von Begeisterten keineswegs die Türen eingerannt.

Woher haben also all die Leute, welche „Koryû“ anbieten, ihre Erfahrung in den Koryû her? Ganz einfach: Sie haben schlicht keine (nein, Youtube-Konsum ist nicht die Erfahrung die ich meine). Koryû ist für diese Kreise nichts weiter als ein Mode-Wort, mit welchem man bei Unbedarften Eindruck schinden kann (gerne auch in Verbindung mit anderen magischen Wörtern wie Samurai, Bushidô und Kobudô).

Für Koryû gibt es verschiedene Definitionen. Einige davon basieren auf klaren Jahreszahlen, bis wann genau man noch von Koryû sprechen kann. Andere wiederum machen den jeweiligen Curriculum der verschiedenen Schulen für die Unterscheidung verantwortlich. Und wieder andere machen es von einer Familienlinie abhängig. Alle Definitionen haben aber etwas gemeinsam: sie treffen nie auf ALLE Koryû gleichzeitig zu. Es gibt allerdings ein Kriterium welches von den meisten anerkannt wird: Eine Erwähnung im Bugei Ryû-ha Daijiten, dem Standardwerk zweier japanischer Historiker aus den 1960er-Jahren (mit zwei späteren Neuauflagen). Die beiden nehmen zwar auch die Meiji-Restauration 1868 als Trennlinie, aber damit kann man leben. Es gibt einige Fälle von Seitenlinien bestehender Koryû welche erst im 20. Jahrhundert gegründet wurden. Aber das sind seltene Ausnahmen, die man trotzdem als Koryû führt.

Aber Achtung: Das Werk nennt durchaus auch Schulen, deren Linie nicht wirklich zurückverfolgt werden kann (oftmals aufgrund fehlender oder zerstörter Dokumente). Auch erhebt das Bugei Ryû-ha Daijiten keinen Anspruch auf komplette Vollständigkeit. Aber die Möglichkeit irgendeiner obskuren Ryû tief in den Bergen Japans, welche sich nie jemandem offenbart hat, darf als durchaus vernachlässigbar gelten.

Interessanterweise werden genau solche und ähnliche Geschichten bemüht, um hier im Westen des 21. Jahrhunderts „Koryû“ zu bewerben. Manchmal ist man von soviel Dreistigkeit schon beinahe fasziniert… Da werden dann ohne falsche Bescheidenheit Namen berühmter Daimyô als Stammvater genannt, oder es wird auf einen „Familienstil“ verwiesen, der ausschliesslich einem einzigen Ausländer gelehrt wurde… mit der Bitte des letzten Sôke diese „Koryû“ nun im Westen zu verbreiten… usw, usw…

Solche Lügengebäude fallen natürlich regelmässig in sich zusammen, wenn man die richtigen Fragen zu stellen vermag. Auch die Reaktionen sind vorhersehbar: Zuerst ein Erstaunen, dass da überhaupt jemand nachfragt. Dann wortreiche Entschuldigungen, das die gewünschten Informationen nicht geliefert werden können, weil a) geheim, oder b) verboten, oder c) man das selbst nicht so genau weiss, aber sicher ist das alles seine Richtigkeit hat. Falls man jetzt noch weiterbohrt, herrscht ab da Funkstille.

Man könnte nun meinen, ein solches Verhalten wird dem jeweiligen Anbieter doch schaden. Weit gefehlt! Dazu ist das Wissen um authentische Koryû und deren soziokulturellen Hintergründe oder zumindest um die entsprechende Literatur viel zu spezialisiert, als das nun die grosse Mehrheit derer, die „so etwas richtig traditionelles“ trainieren wollen, tangiert wird. Die entsprechenden Anbieter können immer auf einen Grundstock Interessierter bauen, welche ihre „Lehren“ nicht in Frage stellen oder es sogar wagen selber mal auf die Suche nach gehaltvoller Information zu gehen.

Die Koryû-Gemeinde und entsprechend historisch Interessierter ist noch sehr klein und wird dies wohl auch immer bleiben. Die Leute sind untereinander gut vernetzt und immer sehr behilflich. DAS ist der beste Schutz gegen die grassierende Koryû-Krankheit!

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3 Gedanken zu “Die Koryû-Krankheit

  1. Mal wieder ein guter und wichtiger Beitrag Martin.
    Was ich noch persönlich noch dreister – und in gewissem Maße auch rechtlich bedenklich finde – ist, wenn Schulen mit existierenden, authentischen Koryû in Verbindung gebracht werden, ohne dass so eine Verbindung bestünde.
    Darüber hinaus ist die Infrastruktur höchst interessant, mit der diese Blender versuchen, sich gegenseitig zu legitimieren und die ihre Finger sogar bis nach Japan streckt. Da werden namhafte Personen aus KK-Kreisen zur „Werbung“ herangezogen, die dies vermutlich oft nicht einmal wissen.
    Als jemand, der selbst einmal in solch einer Schule war, kann ich sagen, dass mich diese Art und Weise der Täuschung einfach nur ankotzt, dass aber leider auch jeder Schüler, der diese Maskerade unkritisch hinnimmt, selbst eine Teilschuld daran trägt.

    Grüße vom Main
    Bastian

    1. Danke für deinen Kommentar, Bastian.
      Ich denke, die Leute wissen ziemlich genau, dass ihnen juristisch gesehen wohl nichts passieren wird, wenn sie eine „Verbindung“ zu einer richtigen Koryû fabrizieren. All diese Koryû-Namen fallen wohl nirgends in Europa unter das Markenrecht… Es ist sicher moralisch verwerflich so etwas zu tun und natürlich sind diese „Anbieter“ in der ernsthaften Koryû/Kobudô-Gemeinde unten durch… nur dürfte sie das nicht weiter stören.

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