文武一致

Bunbu ichi. Die „literarischen“ Künste und die militärischen Künste sollen eine Einheit bilden. Für mich persönlich bedeutet es, dass man auch ein gesichertes und fundiertes  Wissen über die Kampfkunst, welche man studiert, besitzt. Dies sollte natürlich auch das historische Umfeld umfassen.

Dazu gibt es auch einen genaueren Begriff: 事理一致 (Jiri ichi). Die Einheit von Praxis (sprich Training) und theoretischem Verständnis. Es gibt keine grössere Zeitverschwendung als wenn man jahrelang trainiert, aber kaum einen Schimmer hat, was man da überhaupt tut.

Über die Jahre konnte ich eine ansehnliche Bibliothek zusammenstellen, welche weiterhin stetig wächst…. und wie es sich gehört, befinden sich natürlich auch viele Bücher darunter, welche ich heute nicht mal mehr mit der Zange anfassen würde. 😉

Hier veröffentliche ich nun eine Literaturliste mit ausgewählten Büchern, die mir in vielfacher Weise die Augen geöffnet haben. Das Ganze ist natürlich völlig subjektiv. Ich versuche, die Bücher jeweils kurz zusammenzufassen.

Koryu Bujutsu – Classical Warrior Traditions of Japan

Sword & Spirit – Classical Warrior Traditions of Japan – Volume 2

Keiko Shokon – Classical Warrior Traditions of Japan – Volume 3

Diese drei Bücher gehören in jede ernsthafte Budô-Bibliothek. Sie kommen von „Koryu Books“, dem Kleinverlag von Diane und Meik Skoss. Die beiden sind eine Institution in der Budô- und Koryû-Welt. Was sie auszeichnet ist die Tatsache, dass sie immer versuchen die klassischen japanischen Kampfkünste in den soziologischen und religösen Kontext zu stellen in welchen sie gehören. Aber genau damit wollen sich viele Praktizierende leider nicht auseinandersetzen.

Die drei Bücher beinhalten jeweils Essays verschiedener Autoren, welche oft selbst grosse Namen in der Szene sind wie z.B. Ellis Amdur, David A. Hall, Karl F. Friday, Dave Lowry, usw…. Die detaillierten Inhaltsverzeichnisse sind auf der Koryu Books-Webseite einsehbar (siehe meine Link-Liste). Natürlich kann man die Bücher dort auch gleich bestellen…

Classical Bujutsu – The Martial Arts and Ways of Japan – Volume 1

Classical Budo – The Martial Arts and Ways of Japan – Volume 2

Donn F. Draeger, der Autor, ist natürlich kein Unbekannter. Ihm ist hauptsächlich zu verdanken, dass das Wissen um die klassischen japanischen Kampfkünste den Weg in den Westen fand. Er hat noch diverse andere Bücher geschrieben, auch über moderne Kampfkünste. Diese beiden stammen aus Anfang der 70er-Jahre.

Beide Bücher umfassen sowohl die frühen Perioden organisierter Kampfkünste (Muromachi- und Sengoku-Zeit) sowie die spätere Edo-Zeit. Donn F. Draeger war der Erste, der den Begriff „jutsu“ umfassend bekannt machte (neben dem bekannteren „dô“). Allerdings ist in seinen Büchern oft eine fast schon fassbare Abscheu gegenüber den sogenannten „Dô“-Künsten zu spüren. Draeger hat eine sehr harte, strikte Trennlinie zwischen diesen beiden Begriffen gezogen. Darunter leidet die Szene heute oft noch. Erst in letzter Zeit setzt sich die Meinung durch, dass gerade in Japan die beiden Wörter auch in früheren Zeiten sehr liberal und austauschbar verwendet wurden. Trotz dieses Mangels sind die Bücher von Draeger unverzichtbar.

Japanese Swordmanship – Technique and Practice

Autor ist Gordon Warner zusammen mit Co-Autor Donn F. Draeger. Die erste Ausgabe erschien 1982. Gordon Warner war ein Kendoka der ersten Stunde und hochangesehen, sowohl im Westen wie auch in Japan. Er verstarb im März 2010 im Alter von 97 Jahren in seiner Wahlheimat Okinawa.

Das Buch teilt sich in zwei Bereiche auf: Der erst Teil behandelt das japanische Schwert und seine Bedeutung in der Geschichte Japans. Behandelt werden auch die Erziehung, Ausbildung, Ethik und Moral der Krieger über die Jahrhunderte. Der zweite Teil ist ganz dem Iaidô gewidmet. Auch hier spürt man noch den Einfluss Draegers bei diversen Formulierungen. Am Schluss gibt es noch eine Erklärung der (damals) zehn Seitei-Kata des ZNKR (Zen Nihon Kendo Renmei) in Bilderfolge.

Dieses Buch ist natürlich vorallem für Iaidôka interessant, bietet aber auch einen guten Abriss über die Entstehung der Kriegerklasse und des japanischen Schwertes. Der Zeit der Publikation geschuldet sind natürlich die Erklärungen zu Bushidô und Zen… Hierzu gibt es wesentlich neuere Forschung und auch entsprechende Veröffentlichungen, welche diese beiden Begriffe ins richtige Licht rücken (dazu später mehr).

Kyudo – The Essence and Practice of Japanese Archery

Dieses Buch habe ich mir vorallem zugelegt, weil ich wirklich nicht viel über das japanische Bogenschiessen wusste. Erschienen ist es 1992. Der Autor ist Hideharu Onuma, der 15. Sôke der Heki-ryû Sekka-ha, der 1990 verstarb. Co-Autoren sind seine beiden US-amerikanischen Schüler Dan und Jackie DeProspero. Ein tolles Buch um einen guten historischen und technischen Überblick zu bekommen. Am Schluss des Buches gibt es einen Anhang von acht Seiten der als „Shitemondô“ aufgesetzt ist, also Schüler-Lehrer Konversationen. Die beiden Co-Autoren haben viele Jahre lang im selben Haus mit Onuma-sensei gelebt und unter ihm studiert. Daraus entstand dieses schöne „Shitemondô“.

Shots in the Dark – Japan, Zen and the West

Wenn wir gerade bei Kyudô sind… kommen wir zu einem meiner absoluten Lieblingsbücher! Geschrieben von Shoji Yamada, einem japanischen Philosophie-Professor. Die Originalausgabe stammt von 2005, die englische Übersetzung von Earl Hartman aus dem Jahre 2009.

Das Buch und seine ihm zugrundeliegende Forschung ist EIN grosser „Myth Buster“. Punkt. Nicht allen wird es gefallen…

Zen und die japanischen Kampfkünste (oder sonstigen Künste) sind ein leidiges Thema. Angefangen hat das ganze mit einem grossen, wirklich grossen Missverständnis des deutschen Professors Eugen Herrigel im Jahre 1926. Er trat für einige Jahre ein Stelle als Philosophie-Professor an einer japanischen Universität an und traf in dieser Zeit auf Zen und japanisches Bogenschiessen (oder das was er dafür hielt). Und so nahm das Unheil seinen Lauf… 😉

Das Buch befasst sich sehr detailliert mit der Biographie Herrigels, Kyudô und seiner Geschichte und Zen. Im zweiten Teil wird auch der berühmte Steingarten des Ryoan-ji auf seine „Zentauglichkeit“ hin geprüft (durchgefallen). Insbesondere wird auch untersucht wie das Bild Japans, welches der Westen sehen will, entstand und bis heute weiterbesteht und wie dieses Bild quasi wieder nach Japan „re-importiert“ wurde. Hier wird minutiös nachgewiesen, dass es tatsächlich nie eine irgendwie geartete Wesensverbindung zwischen Zen und den verschiedenen japanischen Künsten gab.

Ein Muss für alle, die es wagen, lieb gewonnene Erkenntnisse in Frage zu stellen und wirklich Neues lernen wollen!

Hier gibt es eine 30-seitige Zusammenfassung des Kyudô-Teils von Shoji Yamada selbst: Shoji Yamada. Das ist allerdings kein Ersatz für das Buch! Darin gibt es noch viel mehr Überraschendes und Neues.

Sun Tzu and the Art of Medieval Japanese Warfare

Von Roald Knutsen. Geboren 1933 in England und der Gründer der British Kendo Association. Später sagte er sich von der BKA los und gründete einen eigenen Kendo-Verband wo traditionelles Kendo und Iai gepflegt wird. Obwohl es mit ihm in England vorallem in den 1970er-Jahren grosse Probleme gab, ist sein Können und Wissen über alle Zweifel erhaben.

Sein Interesse gilt vorallem dem mystisch-esoterischen Teil des japanischen Budô. Hier legt er dar, dass die Schriften Sun Tzu’s auch in Japan weit verbreitet waren und wie sie insbesondere auch Einfluss auf das taktische und strategische Verhalten im Iai hatten. Am Beispiel der Musô Jikiden Eishin-ryû zeigt er das in beeindruckender Weise auf.

Ein Buch, zu dem man immer wieder zurückkommt und neues entdeckt. Ganz davon abhängig auf welchem Level man gerade steht.

Samurai, Warfare and the State in early medieval Japan

Wer nur EIN Buch will, wo verlässlich über die Bushi-Kultur geschrieben wird und gleichzeitig mit einigen der gröbsten Phantastereien aufgeräumt wird, dann ist es wohl dieses aus dem Jahr 2005. Autor ist der bereits erwähnte Karl F. Friday, US-amerikanischer Japanologe UND ausgestattet mit einer Lehrbefugnis der Kashima Shin-ryû. Eine spezielle Kombination, denn es gibt nun mal nicht allzuviele Gelehrte, welche sich „die Hände schmutzig“ machen wollen und sich nicht nur in intellektueller Sicht mit der japanischen Krieger-Kultur auseinandersetzen.

Friday hat bereits diverse Bücher veröffentlicht. Oftmals durchaus eher populär-wissenschaftlicher Natur aber darum nicht weniger gehaltvoll! Insbesondere US-Japanologen scheinen wesentlich weniger Berührungsängste mit dem „normalen“ lesenden Volk zu haben als z.B. westeuropäische (Elfenbeinturm und so…).

Die Kapitel dieses Buches nennen sich wie folgt:

The meaning of war, The organization of war, The tools of war, The science of war, The culture of war.

Und wie angedeutet, wird in jedem Kapitel mit mindestens einem grossen Mythos abgerechnet! Sehr erfrischend das Ganze und für einige „eye-opener“ gut.

The Teeth and Claws of the Buddha – Monastic warriors and Sôhei in japanese History

Auch dieses Buch stammt von einem US-Japanologen, Mikael S. Adolphson. Erschienen 2007 bei University of Hawai’i Press. Alle die sich mit japanischer Geschichte befassen, kommen früher oder später zu den sagenumwobenen Kriegermönchen (Sôhei).

Dieses Buch sorgte bei mir für das grösste Aha-Erlebnis der letzten Jahre! Denn auch bei dem Thema „Sôhei“ ist nichts wie es immer geschienen hat.

Das Buch beginnt mit einen relativ allgemeinen Diskurs zu religöser Gewalt und bewaffneten Geistlichen (Klerikern). Danach folgt ein Abriss über die Teilnahme der grossen Klöster (und ihren Armeen) in Intrigen, Morden und Nachfolgekriegen. Starker Tobak das Ganze! Die nächsten vier Kapitel befassen sich dann mit den kämpfenden Dienern Buddhas (die zu einem überwiegenden Teil gar nie Mönche waren sondern Söldner…), den Kommandeuren der Klosterarmeen, welche oft kaiserlicher Linie entstammten und zu guter Letzt, wie der Mythos der Sôhei fabriziert wurde (auch der Mythos des Benkei wird hier untersucht).

Es wird hauptsächlich das japanische Frühmittelalter besprochen, also die Nara-, Heian- und Kamakura-Zeit. Während diesen Epochen hatten die buddhistischen Institutionen den grössten Einfluss.

Der einzige Kritikpunkt: Die vielen Auseinandersetzungen und kleinen Scharmützel zwischen den verschiedenen Klöstern rund um Kyoto und Nara werden oft allzu detailliert analysiert.

Traditions – Essays on the Japanese Martial Arts and Ways

The Essence of Budo – A Practitioner’s Guide to understanding the Japanese Martial Ways

Autor dieser beiden herrlichen Bücher (und vieler weiterer) ist Dave Lowry. Ein US-Amerikaner, der seit den späten 1960er-Jahren in den japanischen (Kampf-)Künsten zu Hause ist.

Bei Lowry lernt man keine Techniken (was man aus Büchern eh nicht kann…), man lernt auch nicht, wann und wo genau z.B. eine bestimmte Ryû gegründet wurde oder sonstige historischen Ereignisse des alten Japan.

Lowry ist im besten Sinne des Wortes ein Schriftsteller. Sein Anliegen ist es, den Interessierten den Gehalt und die Gefühlswelt des Budô näherzubringen. Seine Prosa ist wirklich schön, schlicht und oft mit viel Humor gespickt! Gemischt mit dem typischen „matter-of-fact“-Stil der Amerikaner. Häufig lässt er auch Geschichten aus seiner Kindheit und Jugend in Missouri einfliessen.

Die Bücher bestehen meistens aus kurzen Essays, in welchen Lowry jeweils ein bestimmtes Element genauer unter die Lupe nimmt.

Die Titel einiger Essays sprechen für sich… :

– Budo and Bach

– Kata and Boeuf Bourguignon

– The first attack position and other lessons from the paperback Ryu

– White Boys and Bonsai

– Licensed to kill – or something

– Baking a Cake

usw, usw…

Lowrys Bücher kann ich allen empfehlen, die immer schon gefühlt haben, dass da noch mehr sein muss als lediglich Wettkampf und die nächste Prüfung.

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So, das wars mit meinen Buchempfehlungen. Diese „Liste“ ist nicht abschliessend, ich könnte noch viele Dutzend andere Bücher vorstellen. Ich habe mich auf die Kampfkünste und im weitesten Sinne auf die japanische Militär-Geschichte beschränkt (aber auch hier nicht lückenlos), obwohl meine Interessen wesentlich breiter gefächert sind.  Alles zu Cha-no-yu, zeitgenössischer Keramik, jap. Konfuzianismus, Nihontô, usw. musste aussen vor bleiben. Falls jemand etwas spezielles sucht, bin ich gerne bereit weiterzuhelfen.

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3 Gedanken zu “文武一致

  1. Ich war gestern auf einem Vortrag von Professor Kubota Hiroshi zum Thema Spiritismus in Japan und der Versuch diesen wissenschaftlich zu etablieren.

    Ein Gast, selbst Religionswissenschaftler, merkte an, dass vor allem auch Daisetsu Suzuki, der vor allen anderen das Verständnis von Zen im Westen geprägt hat, sehr vom europäischen Spiritismus beeinflusst war (z.B. übersetzte er Traktate des schwedischen Spiritisten Emanuel Swedenborg), was wiederum auf seine Interpretation von Zen einwirkte.

    Der nicht populäre Zen und vor allem der Zen der Vor-Meiji-Zeit ist noch einmal eine ganz andere Geschichte als das, was nach Shinbutsu bunri, Pazifikkrieg usw. daraus wurde.

    Ich habe das Buch von Yamada Shôji leider noch nicht gelesen, werde es aber mal auf meinen Wunschzettel packen. Das oben Geschrieben soll nur als allgemeiner Hinweis bei der Auseinandersetzung mit Zen im Kontext der Kampfkünste und der Bushi dienen.

    Ansonsten bitte weiter mit dem tollen Blog.
    Gruß
    Bastian

    1. Lieber Bastian!
      Vielen Dank für deinen Kommentar. Suzuki ist ein gutes Beispiel, wie Einflüsse spielen. Yamada legt in seinem Buch eine sehr ausführliche Biographie Herrigels vor und weist vorallem auch auf sein frühes Interesse am Mystizismus des Meisters Eckhart hin. Auch dieses Interesse hat mit Sicherheit seine Zen-Sehnsucht beeinflusst.
      Auf jeden Fall ist „Shots in the Dark“ ein absolutes „must-read“. Also, schnell noch vor den Feiertagen bestellen!

  2. Interessanterweise schließt sich bei Meister Eckhart der Kreis zu Suzuki wieder, denn auch dieser hat sich nicht wenig mit diesem auseinandergesetzt. Siehe z.B. Suzuki Daisetz: „Mysticism: Christian and Buddhist“.

    Hätte ich gerade die Zeit, neben meinen japanischen Quellen und der Sekundärliteratur für meine Abschlussarbeit noch etwas „leichtes“ zu lesen, dann würde ich mir das Buch glatt bestellen. Da ich aber immer noch die zwei Skoss Werke „Sword & Spirit“ und „Keiko Shokon“ im Schrank habe, neben Friday’s „Legacies of the Sword“ und dem „TSKSR Budô Kyôhan“, von denen ich noch nicht eines länger als 15 min in der Hand hatte seit der Anschaffung (vor ca. 3 Monaten und länger), warte ich mit Neuanschaffungen erst mal noch.

    Mein Amazon-Wunschzettel ist sehr lang… 😀

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