Der Chiburi-Mythos – Teil 3(Ende)

Nun möchte ich gerne zur ryû-ha zurückkehren, mit welcher ich etwas besser vertraut bin und das Chiburi der Musô Jikiden Eishin-ryû und der Musô Shinden-ryû anschauen. In diesen beiden eng vewandten Schulen kommt das Chiburi hauptsächlich in zwei grundlegenden Formen vor. Die erst Variante mit der Schüler vertraut gemacht werden, ist das typische Chiburi der Ômori-ryû. Dies wird üblicherweise O-chiburi (大血振) genannt, was „grosses Chiburi“ heisst. Der Schwertgriff (Tsuka) wird zur rechten Schläfe gebracht um danach die Schwertspitze in einem geschwungenen Bogen in der Migi-Kesa-Linie nach unten zu bringen. Der genaue Weg der Klinge und der Punkt wo die Spitze zum stehen kommt variiert zwischen verschiedenen Lehrern und Lehrlinien, aber die grundlegende Bewegung ist dieselbe.

Die andere Form wird Yoko-chiburi (横血振) oder Ko-chiburi (小血振) genannt. Das Schwert wird in einer schnellen, kraftvollen Bewegung nach rechts geführt wobei die Klinge parallel zum Boden bleibt und die Schneide nach rechts zeigt. Auch wenn die Bewegung kraftvoll ist, ist es offensichtlich, dass sich damit kaum Blut von der Klinge entfernen lässt. Auch das O-chiburi ist gemäss den obigen Zitaten unpraktisch, wobei man es sich zumindest besser vorstellen kann, dass so wenigstens ein Teil des Blutes entfernt werden kann. Dagegen ist klar, dass Yoko-chiburi nie entsprechend funktionieren kann. Warum aber wird es dann überhaupt Chiburi genannt?

Der gross ausgeführte Schwung der Ômori-ryû wird seit relativ langer Zeit Chiburi genannt. Dies lässt sich beweisen, indem man die Ômori-ryû-Sektionen in Edo-zeitlichen Denshô sowohl der Shimomura-ha wie auch der Tanimura-ha Eishin-ryû hinzuzieht. Wenn man sich dann aber die Sektionen über die Hasegawa Eishin-ryû (Chuden und Okuiai) anschaut, stellt man fest, dass das Wort plötzlich verschwindet. Was üblicherweise Yoko-chiburi genannt wird, findet man in Beschreibungen zur Ômori-ryû (wo es zweimal vorkommt) und zur Hasegawa Eishin-ryû (wo es in jeder Waza vorkommt) als „Öffnung“ (開き) oder „Öffnung nach rechts“ (右に開き). Nicht ein einziges Mal wird es Chiburi genannt. Die Idee, damit Blut von der Klinge zu beseitigen tauchte erst später auf und war vielleicht auf die Verschmelzung der beiden Begriffe zurückzuführen.

Masaoka Katsutane, ein Kongen no Maki-Halter der Musô Jikiden Eishin-ryû schrieb in seinem Buch Musô Jikiden Eishin-ryû Iai Heiho Chi no Maki folgendes: „In der Ômori-ryû wird vor dem Noto Chiburi ausgeführt und zwar in einem grossen Bogen über den Kopf. In der Eishin-ryû allerdings, wird vor dem Noto „nach rechts geöffnet“, wie in der Ômori-ryû waza „Yaegaki“. Dieses „nach rechts öffnen“ wird heutzutage „kleines Chiburi“ genannt. Als ich nach dem Krieg eines Tages Kinder in Kochi in Iaidô unterrichtete, fragte eines in der direkten Art wie Kinder sind: „Sensei, würde das wirklich Blut von der Klinge entfernen?“ Ich habe lange darüber nachgedacht, alle Denshô welche sich in meinem Besitz befanden nochmals durchgelesen aber nirgends wurde diese Bewegung als Chiburi bezeichnet. Stattdessen wird es immer „nach rechts öffnen“ genannt. Daher kam ich zum Schluss, dass das Ômori-ryû Chiburi eine Kombination aus Blut entfernen, Zanshin zeigen und Vorbereitung zum Noto darstellt, wohingegen in der Eishin-ryû diese Bewegung lediglich für Zanshin und Noto-Vorbereitung gedacht ist“.

Eine weitergehende Untersuchung von alten Denshô der Tosa Eishin-ryû lassen Hinweise zu Chiburi tatsächlich vermissen. Allerdings werden an einigen Stellen spezielle Methoden für ein schnelles Reinigen der Klinge beschrieben, wenn das Schwert schnell versorgt werden muss. Diese Methoden sind jeweils Varianten von Chinugui. Dies steht im Widerspruch dazu, wie es nahezu in allen Kata gehandhabt wird: Das Schwert wird unmittelbar nach Chiburi oder der „Öffnung nach rechts“ in die Saya zurückgeführt. Chinugui wird als praktikable Methode gesehen, um das Schwert zu reinigen und auch Anhänger der Eishin-ryû waren in der Edo-Zeit wohl kaum anderer Meinung. Es ist durchaus möglich, dass Chinugui für die Klingen-Reinigung in realen Situationen propagiert wurde, es aber einfach in der Mehrzahl der Kata weggelassen wurde.

Der grosse kulturelle Wandel weg vom täglichen Schwerttragen und den Änderungen der Unterrichtsstruktur von Musô Jikiden Eishin-ryû und Musô Shinden-ryû mögen dazu beigetragen haben, dass dieses Wissen für viele Praktizierende verloren ging.

Wenn man sich diese all Belege ansieht, kann man abschliessend folgendes feststellen: Was wir heute als Chiburi kennen, war wohl ursprünglich nie als echte Reinigungsart gedacht. All die Lehrer die ich hier zitiert habe scheinen darin übereinzustimmen, dass das Chiburi, welches in den meisten Iai waza auftaucht, hauptsächlich zum Entwickeln eines starken Zanshin gedacht war. Dies wird auch durch historische Belege gestützt. In einigen Fällen mag das Chiburi zudem eine Art der rituellen „Reinigung“ gewesen sein oder ganz einfach ein Platzhalter für das Chinugui im Kontext der Kata.

Dies alles ist eigentlich keine überraschende Schlussfolgerung – ich bin sicher die meisten haben das auch bereits realisiert. Indem ich aber einen gewissen historischen Kontext hergestellt habe, hoffe ich, dass wir die wahre Absicht hinter dem was wir lernen besser verstehen können.

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