Der Chiburi-Mythos – Teil 2

Obwohl in letzter Zeit mehr Leute darauf aufmerksam werden, dass Chiburi nicht wirklich eine geeignete Methode ist, Blut von der Klinge zu entfernen – so neu ist diese Idee keineswegs. Schon seit Langem haben japanische Lehrer ähnliche Gedanken geäussert.

Kono Hyakuren, 20. Soke der Musô Jikiden Eishin-ryû, schrieb in seinem Buch Iaidô Shintei folgendes: „Chiburui: dies wird so ausgeführt, dass Blut vom Schwert auf den Boden abgeschüttelt wird. Meiner Erfahrung nach bleibt allerdings nach dem Schneiden nur sehr wenig Blut tatsächlich an der Klinge kleben. Dennoch ist das Chiburui ein wertvolles Instrument zur Entwicklung des Zanshin und des Geistes.“

Kono-sensei war mit seiner Meinung, dass das Chiburi hauptsächlich eine Methode zur Entwicklung des Zanshin ist, nicht alleine. Nakayama Hakudo schrieb:

„Im Batto wird Chiburi in jeder Kata ausgeführt, bevor das Schwert zurückgesteckt wird. Diese Bewegung kann die Klinge allerdings nicht komplett von Blut befreien, man sollte es eher als ein reinigendes Ritual sehen. Die Zeitspanne zwischen Chiburi und Noto ist im Batto-jutsu sehr wichtig, da es eine Manifestation des Zanshin in der Kata ist. Jede Iaidô-Schule hat unterschiedliche Methoden diese Aktion auszuführen. Einige eher spezielle Methoden sind folgende:

In der Kanshin-ryû wird ein Stück Papier im Kimono getragen (kaishi, 懐紙) um damit die Klinge abzuwischen.

In der Shindo Munen-ryû wird das Schwert nach unten gehalten, damit das Blut über die Spitze abtropfen kann. Danach wird das Schwert in einem Bogen zur linken Körperseite gebracht und so das restliche Blut abgeschüttelt.

In der Hazama-ryû wird das Schwert auf die linke Schulter gelegt und das Blut so abgewischt.

In der Fuchishin-ryû wird das Schwert zwischen Daumen und Zeigefinger geklemmt und so bis zur Spitze das Blut abgewischt.

In der Hayashizaki Hon-ryû wird das Schwert in der rechten Hand gehalten und zuerst mit einer kleinen Bewegung nach links gebracht, danach in einer grossen Bewegung nach Rechts bevor Noto ausgeführt wird.

Andere Schulen wie z.B. Ômori-ryû, Kikusui-ryû, Kaishi-ryû, Tamiya-ryû, Shingan-ryû, Tetchu-ryû, Hasegawa-ryû usw. führen alle Chiburi anders aus. Darüber hinaus gibt es Schulen die keinerlei Chiburi machen. Einige Schulen werfen nach dem Ziehen des Schwertes die Saya hinter sich. Dies soll die Entschlossenheit des Schwertkämpfers zeigen. Es ist auch ein Zeichen, dass der Schwertkämpfer bereit ist im Kampf zu sterben (sutemi, 捨身) – sobald das Schwert einmal gezogen wurde, wird es nicht mehr zurückgesteckt, d.h. die Saya wird nicht mehr gebraucht. In Kyoto sah ich einen Mann der dies praktizierte und zwar unter dem Schulnamen „Takayama-ryû“. Allerdings sehe ich das als Ausnahme zur generellen Regel.“

Hier zeigt Nakayama auf, dass zwar nicht alle Schulen ein Chiburi, wie man es heute kennt, ausführen. Aber alle scheinen Wert auf eine Betonung des Zanshin vor dem Noto zu legen und oftmals wird dies durch ein simuliertes oder tatsächliches Reinigen der Klinge bekundet. Iai-Schulen die Chiburi ausführen stammen meist aus der Hayashizaki-Linie wie Tamiya-ryû, Mugai-ryû, Suio-ryû und Shinmusô Hayashizaki-ryû. In Schulen die nicht aus der Hayashizaki-Linie stammen findet man häufig andere Formen die Klinge zu reinigen. Eine Chiburi-Art, welche man in den von Hayashizaki abstammenden Schulen nicht findet ist das sogenannten Kaiten Chiburi. Dabei wird das Schwert in der Hand schnell um die eigene Achse gedreht und dann mit der anderen Hand (Faust) auf den Griff (Tsuka) geschlagen. Dies findet man z.B. bei Tenshin Shoden Katori Shinto-ryû, Kashima Shinto-ryû und einigen Linien der Takenouchi-ryû. Andere Nicht-Hayashizaki-Schulen wie z.B. Seigo-ryû/Shinkage-ryû, Hôki-ryû, Sôsuishi-ryû oder Tatsumi-ryû lassen Chiburi in ihren Kata ganz weg und wählen oftmals Chinugui oder, für einen Aussenstehenden wie mich zumindest, praktizieren keines von beiden. Es sollte klar sein, dass mit einer Aussenbetrachtung nie alle Feinheiten erkannt werden können. Zum Beispiel haben Diskussionen mit einem Hôki-ryû-Praktizierenden zu Tage gefördert, dass es zwar scheint als ob die Schule keine eindeutigen Reinigungstechniken für das Schwert kennt, es aber durchaus Chinugui-Bewegungen versteckt in der Noto-Bewegung gibt. Abgesehen von den zahlreichen Unterschieden zwischen den verschienden Ryû-ha, legen ausnahmslos alle Wert auf deutliches Zanshin bevor das Schwert zurückgesteckt wird.

Man sollte beachten, dass Nakayama Hakudo im obigen Zitat das Wort Chiburi auch für Techniken benutzt, welche eigentlich Chinugui sind. Sogar das sehr ungewöhnliche Beispiel der Takayama-ryû, wo die Saya nach dem Ziehen weggeworfen wird, scheint er als eine Art von Chiburi zu sehen. Dies legt den Schluss nahe, dass der Begriff Chiburi in der Vergangenheit eventuell eine pauschale Bezeichnung für alle Arten von Klingenreinigung, ritueller Reinigung oder andere Aktionen welche Zanshin zeigen, war. Wenn dem so ist hat es sicher dazu beigetragen, dass dieser „Mythos“ des Chiburi allgegenwärtig wurde.

 

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